Niedersächsisches Netzwerk behinderter Frauen - Netzwerktreffen am 09.06.2006

Oktober 2006
Auf Einladung des Niedersächsischen Netzwerks behinderter Frauen trafen sich am 13.10.2006 behinderte Frauen im Kreishaus des Landkreises Oldenburg in Wildeshausen. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an die Behindertenbeauftragte des Landkreises Rita Rockel für die sehr gute Vorbereitung der Veranstaltung.Wir haben uns in der liebevoll von ihr gestalteten Herbstdekoration sehr wohl gefühlt. Rita Rockel ist selber auch schon jahrlang Netzwerkerin. Aus Hannover waren neben vielen Teilnehmerinnen die Netzwerksprecherinnen Ina Neufrau und Andrea Hammann, sowie Hannelore Kückemück von der Steuerungsgruppe und Ilona Fedorczuk vom Büro des Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen angereist um den Teilnehmerinnen Rede und Antwort zu stehen. Die Vorträge der Referentinnen fanden großen Anklag und es wurde eifrig im Anschluß diskutiert.Ihr findet beide Vorträge hier auf dieser Internetseite.
Bild: Auf dem photo sind Hannelore Kückemück, Rita Rockel, Andrea Hammann
Liebe Netzwerkerinnen,
Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie wichtig es ist, herausgefordert zu werden und sich immer wieder an diesen Herausforderungen zu messen. Wie Sie wohl schon gehört haben, hat mich die Erfahrung, trotz Behinderung selbstdefinierte Ziele erreichen zu können, in besonderem Maße geprägt. Oftmals trafen mich verständnislose Blicke, wenn ich in den Alpen eher auf allen Vieren als auf zwei Beinen meine Leistungsgrenzen auf die Probe stellte oder wurde als betrunken abgestempelt, wenn ich mich im Winter auf eine schwarze Piste wagte.
Müssen behinderte Menschen sich und anderen so etwas antun? Andererseits fand ich aber auch immer wieder Unterstützung, meine körperlichen Grenzen in Frage zu stellen- angefangen bei meiner Mutter, die mich trotz mancher Bedenken von Kind auf in den Bergen begleitete, später von jungen bergbegeisterten Erwachsenen, die mir die Besteigung von Dreitausendern, Gletscherbegehungen und Mehrseil-längen- Klettertouren ermöglichten. Höhepunkt war die Teilnahme an einer einwöchigen Trekking- Tour im Wallis, die zusammen mit Rollstuhl-fahrern und Insassen einer Haftanstalt realisiert wurde. Dort wurde mir sehr deutlich, wie relativ Grenzen gesetzt werden und was alles möglich ist. Ich denke, dass es für mein Leben ganz entscheidend gewesen ist, dass ich immer wieder die Möglichkeit hatte, ungewöhnliche Wege zu entdecken und an Herausforderungen zu wachsen.
Trotz dieser Erfahrungen, bei denen ich übrigens auch im besonderen Maße soziale Integration erleben durfte, reagieren Fachkräfte aus der Behindertenhilfe oft sehr zurückhaltend auf integrative erlebnispäda-gogische Projekte. Da treten Bedenken in den Vordergrund :
- Überfordern wir unser Klientel nicht mit erlebnispädagogischen Aktivitäten? Die stoßen doch im Alltag schon permanent an ihre Grenzen, warum müssen wir ihnen noch weitere Misserfolge zumuten?
- Was ist, wenn unsere Klienten hinterher mehr Selbstständigkeit einfordern? Das bringt ja unsere Dienstpläne völlig durcheinander!
"Wir vermögen mehr als wir glauben. Wenn wir dies erleben, werden wir uns in Zukunft nicht mit weniger zufrieden geben!"( Kurt Hahn, Wegbereiter der Erlebnispädagogik)
Für viele Menschen mit einer Beeinträchtigung ist es leider immer noch Realität, dass ihnen keine Möglichkeiten geboten werden, ihre wirklichen Grenzen auszutesten. Der Prozess ihrer Sozialisierung geht oft einher mit der "Überbehütung" durch die Eltern, die dann in die "fürsorgliche Belagerung" in manchen Institutionen der Behindertenhilfe übergeht. Fürsorgliche Belagerung, so Heinrich Böll, ist ein Verhalten, das aus realer oder fiktiver Bedrohung eines Menschen entsteht, das aber so massiv in sein Leben eingreift, dass es den Betroffenen beengt und geradezu erstickt. Und Alfred Adler schrieb über das Erziehungsverhalten von Müttern behinderter Kinder, die Verwöhnung durch die Mutter behindere die Entwicklung des Kindes dann," ..... wenn sie das Kind von jeder Mithilfe entbindet,.....für das Kind ständig denkt, handelt und spricht, ihm jede Entwicklungsmöglichkeit unterbindet und es an eine imaginäre Welt gewöhnt, die nicht unsere eigene ist...."(Adler in Hansen 1999, 261) Beispiele für ein solches Verhalten von Betreuungspersonen haben wir bei unseren TN reichlich.
Avishai Margalit, ein israelischer Philosoph, ist der Ansicht, dass eine Gesellschaft, selbst bei bester Güterausstattung ihrer Mitglieder, demütigende Strukturen und Institutionen aufweisen kann ( vgl. Margalit 1997). Um diesen Strukturen entgegen zu wirken und Alternativen aufzuzeigen, bietet der erlebnispädagogische Ansatz eine hervor-ragende Möglichkeit. Gewohnte Verhaltensweisen werden reflektiert und aufgebrochen, sowohl bei den behinderten TN (Herauslocken aus der Komfortzone) als auch bei den nichtbehinderten TN ( soziales Engagement, Rücksicht auf Schwächere, aber keine fürsorgliche Belagerung).
Eine Herausforderung reizt zur Bewältigung, das Lernen an der Wirklichkeit birgt ungeahnte Möglichkeiten- ich möchte Ihnen nun ein paar Beispiele aus meiner Arbeit zeigen.
Sexualität und Behinderung
Bericht aus der Arbeit einer Sexualberaterin
Meine Vorstellung:
- Wiebke Hendeß
- 35 Jahre alt
- Rollstuhlfahrerin (körperbehindert durch progressive Muskeldystrophie)
- Diplombiologin
- Seit 1999 Beraterin für behinderte und chronisch kranke Studierende beim Studentenwerk Oldenburg
- Seit 2001 Peer Counselorin
- Seit 2004 Sexualberaterin für behinderte Menschen
Geboren wurde ich 1971 in Koblenz. Mit vier Jahren zogen meine Eltern mit mir um nach Osterode am Harz. Nach einer Schullaufbahn an Regelschulen machte ich 1990 mein Abitur.
Nach meiner Ausbildung zur Sparkassenkauffrau in der Stadtsparkasse Osterode zog ich nach Oldenburg, um dort erfolgreich Biologie zu studieren. Mein Studienschwerpunkt "Biologische und allgemeine Psychologie" sowie meine studienbegleitende Arbeit in der Selbsthilfe behinderter Studierender führte mich in die Richtung "Beratung behinderter und chronisch kranker Studierender" . In diesem Bereich arbeite ich seit Mai 1999 hauptberuflich als Beraterin beim Studentenwerk Oldenburg. Ich absolvierte u. a. Ausbildungen zur Peer Counselorin (Beratung von Gleichbetroffenen) und zur Sexualberaterin für behinderte Menschen.
Während ich meine Kindheit noch "unbehindert" verbringen konnte, traten die Auswirkungen meiner Behinderung in meiner Jugend immer mehr zu tage. Ich habe progressive Muskeldystrophie (fortschreitender Muskelschwund). Inzwischen benutze ich zur Fortbewegung meist einen meiner Rollstühle und bin zunehmend auf Assistenz bei der Arbeit und im Privatleben angewiesen.
Ich setze mich viel mit mir und meinem Körper auseinander. Es ist ein stetiger Prozess. Da ich Bewegung und Körperlichkeit liebe, verbringe ich gern meine Freizeit beim Tanzen, Schwimmen, Singen, in der Sauna oder bei anderen Aktivitäten.
Ich habe Visionen und Träume. In dem Glauben, dass ich sie erreichen kann, habe ich schon vieles umsetzen können. Inzwischen gehe ich mutig meinen eigenen Weg, ohne mich mit der traditionellen angepassten Rolle behinderter Frauen abzufinden.
Anderen behinderten Frauen und Männern möchte ich Mut machen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.
Was ist Sexualberatung?
Was umfasst Sexualberatung?
- Erotik
- Sexualität
- Partnerschaft
- Elternschaft
Welche Fragen oder Themen könnten Inhalte einer Beratung sein?
- Was ist für mich Erotik?
- Wie kann ich Erotik für mich entdecken?
- Welche Formen der Sexualität/sexuellen Vorlieben gibt es für mich/habe ich?
- Wo und wie finde ich eine/n Partner/in? Was kann ich selber dafür tun?
- Wie werde ich für andere Menschen attraktiver?
- Habe ich einen Kinderwunsch? Kann ich mit meiner Behinderung ein/e gute/r Mutter/Vater sein?
- Wie kann ich sicher verhüten?
Wo, wie und für wen arbeite ich als Sexualberaterin?
Einzelberatungen von behinderten Männern und Frauen:
Persönlich oder telefonisch zu Fragen wie:
- Sexualität bei Erektionsstörungen
- Wie finde ich eine/n Partner/in
- Wie mache ich mich attraktiver
Workshops mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern
Gesprächskreis für muskelkranke Frauen
Workshop für Assistenznehmer zum Thema Sexualität und Assistenz
Moderation von Erotik-Workshops
Moderation und Referentin bei einer Weiterbildung für SexualberaterInnen
Schulungen mit MitarbeiterInnen der Behindertenhilfe
Schulungs- und Vortragsthemen:
- Selbstbefriedigung und Sextoys/Hilfsmittel
- Inkontinenz und Sex
- Pubertät und Partnerschaft
- Elternschaft behinderter Frauen und Männer
- Sexuelle Orientierung, Praktiken und Neigungen (Homosexualität, Analverkehr, Sadomasochismus)
Kunden und Kundinnen von mir sind Selbsthilfeverbände, Kontinenzfirmen, Pflege- und Assistenzdienste, Wohnheime oder Werkstätten für behinderte Menschen, selbst Betroffene und deren Eltern/Angehörige, BehindertenberaterInnen
Themenvortrag: Pubertät und Partnerschaft behinderter Menschen
Themenvortrag: Pubertät und Partnerschaft behinderter Menschen
- dieses Thema habe ich gewählt, weil ich denke, dass es für die meisten von Ihnen interessant sein könnte
- Wenn sich der Schwerpunkt durch Ihre Fragen, Anregungen oder unsere Diskussion aber verschiebt, ist dieses auch in Ordnung
- Ich bin für viele Themen offen
Wo ich es passend finde, bringe ich im Vortrag auch persönliche Beispiele ein.
Sie können gerne weitere Fragen an mich stellen. Wenn es mir zu persönlich oder intim ist, werde ich es sagen.
- Zwischenfragen möglich und erwünscht
- Auch hinterher kurzes Gespräch unter 4 Augen möglich
Pubertät:
Sehr unterschiedliche Herangehensweise der Autoren:
- meist problemgeladen
- selten mutmachend aber ehrlich
Das möchte ich jedoch mit meinem Vortrag erreichen: Informieren und Mut machen.
Allgemeines: Beginn und Ende der Pubertät
Nach Wikipedia:
Unter Pubertät (lat. "Mannbarkeit" ) versteht man etwa seit dem 16. Jahrhundert den Teil der Adoleszenz, der die sexuelle Reifung enthält und zu einem ausgewachsenen Körper führt.
Diese Phase des Lebens beginnt, wenn die Gehirnanhangdrüse ein Signal an den Körper sendet, bestimmte Hormone zu produzieren. Bei Jungen ist es das Testosteron, bei Mädchen das Östrogen. Während der Pubertät kommt es zur Geschlechtsreife und zur Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale, wie etwa der geschlechtsspezifischen Körperbehaarung. Bei Mädchen beginnt in der Pubertät die Menstruation. Bei Mädchen wird in unseren Breiten die Pubertät zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr und bei Jungen zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr durchlaufen. Während man früher annahm, dass sich die Sexualität des Menschen erst mit der Pubertät entwickelt, gilt es heute als anerkannt, dass der Mensch schon als Kind sexuelle Regungen hat.
Gleichzeitig mit den hormonellen und daraus folgenden körperlichen Veränderungen nehmen aber auch die kognitiven Fähigkeiten der jungen Menschen erheblich zu.
- Wahrnehmung innerhalb des sozialen Kontextes
- Kritische Hinterfragung sich selbst und seiner Umwelt
- Grenzen austesten
Dieser soziale Aspekt der Pubertät und die daraus entstehenden Konflikte ist auch für Eltern und Erzieher eine große Herausforderung.
Inwieweit unterscheidet sich die Pubertät behinderter und nichtbehinderten Jugendlichen?
- späteres bis viel späteres Loslösen vom Elternhaus, oft bedingt durch nötige Pflege oder gegenseitiges Anfassen mit Samthandschuhen
- z. B. ist es schwer sich zu streiten, wenn man sich danach aufs Klo helfen lassen muss
- Eltern wollen ihre Kinder schonen/beschützen, Kinder wollen nicht, dass sich ihre Eltern noch mehr Sorgen um sie machen
- oft das erste Mal, das Anderssein und Behinderung erkannt und wahrgenommen werden, auch wenn sie bis dahin ihre Kindheit als unbeschwert wahrgenommen haben.
- Das: ich bin normal kann nicht mehr durchgehalten werden
- sie fragen sich: warum gerade ich?
- Sie stellen fest: Ich bin nicht schön. Ärzte und Therapeutinnen haben mir meine vielen Defizite gezeigt.
- Oft auch vorhandene Schmerzen, auch besonders während der Therapien, führen dazu, dass sich die jungen Menschen nicht wohl in ihrem Körper fühlen
- Therapien an sich verurteile ich nicht, im Gegenteil betreibe ich intensiv Krankengymnastik, Ergotherapie und fahre jedes Jahr zur Reha. Doch bei mir unterstützen diese Therapien meine verbliebenen körperlichen Fähigkeiten und stürzen sich nicht auf meine Defizite. Ich nutze diese Fachleute auch für Fragen zu z. B: sexuellen Praktiken
- Dieser Körper verändert sich jetzt auch noch stark.
- Schon Nichtbehinderte haben oft Probleme, den sich in der Pubertät verändernden Körper anzunehmen
- Gefühle kommen hoch: Schmerz, Ärger und Wut
- Schönheitsideale für alle: 30-50% Essstörungen bei Mädchen und jungen Frauen
- wie sollen sich behinderte Mädchen orientieren, wenn kein Model oder Idol auch behindert ist
- sie entsprechen keinesfalls dem Bild: schön, gesund und sportlich
- keine Konkurrenz, sondern nur gute Gesprächspartnerinnen
- haben es schwerer (Mobilität) Treffpunkte zu erreichen
- schmerzhafte Erfahrungen (z. B. Tanzkurs), Hänseleien bis hin zur Ausgrenzung
- in integrierter Beschulung gibt es wenig vergleichbare Vorbilder, wenig peers
- Zukunftsangst: Bleibt mir ein anderer beruflicher Weg als die Behindetenwerkstatt?
Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene mit OI Osteogenesis imperfecta
- Klein (besonders gemein für Heranwachsende, Hänseleien)
- Rollstuhlnutzung oder Gehbehinderung
- "Verwachsener" Körper
- höhere Stimme
- Hörbehinderung
- Gefahr von Brüchen: Besonders "gemein" in der Pubertät und beginnenden Sexualität, da es am so wichtigen Ausprobieren hindert
- Überbehütung durch die Eltern und so verspätetes Ablösen
- Krankenhausaufenthalte und somit Trennung von den Eltern von klein auf.
- Nur kurze Lebenserwartung diagnostiziert
- Generell spätere Pubertät und Erwachsen werden. Laut Aussage der OI-Gesellschaft fühlen sich auch 25 Jährige innerhalb der OI-Gesellschaft eher zu den Jugendlichen zugehörig
- Wie bei anderen von Geburt an körperbehinderten Menschen ist das eigene Körperbild geprägt von den vielen Operationen und Therapien von klein auf. Da ging es immer darum, was alles nicht stimmt und weniger darum, was so toll und einzigartig ist
- Was sage ich dann zu diesen jungen Leuten:
- Probiert, euch ein positives Körperbild zu schaffen und geduldig und liebevoll mit Eurem Körper umzugehen (war auch bei mir ein langer Weg)
- Augen mit tiefblauen Skleren
- Zu Euren besonderen Stärken habe ich gehört, das es unter den OI-Betroffenen viele Individualisten gibt, die es schaffen, immer wieder aufzustehen, immer wieder neu anzufangen nach einem Bruch.
- Ihr seid krisenerprobt und strebt oft mit großer Kraft nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.
Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene mit Spina Bifida
Auf zwei sogenannten Kontinenzwochenenden mit Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern habe ich mit diesem Personenkreis gearbeitet.
- Wochenende organisiert vom ASBH (Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus)
- Von klein auf (ab 6 Jahre) lernen, sich selbst zu Kathetierisieren
- Sehr positiv für Unabhängigkeit von Pflege/Assistenz
- Windeln werden überflüssig > Körperempfinden und Attraktivität
- Diese Veranstaltungen sollten selbstverständlich werden und auch für andere Behinderungsformen angeboten werden
Zurück zur Besonderheiten in der Pubertät bei Spina Bifida:
- Mädchen kommen früher in die Pubertät, schon ab 8 Jahre
- Inkontinenz, auch Stuhlinkontinenz, erschwert positives Körperbild/empfinden und Unabhängigkeit von der Pflege sowie erzeugt Berührungsängste auf beiden Seiten
- näher auf das Thema Inkontinenz und Sexualität werde ich heute Nachmittag eingehen
- Mädchen und Jungen fragen danach, ob sie ihre Behinderung vererben und ob sie überhaupt Kinder bekommen können. So kann z. B. durch Spina Bifida die Zeugungsfähigkeit beim Mann beeinträchtigt sein und die Frauen mit Spina bifida bekommen mit einer höhere Wahrscheinlichkeit ein Kind, das ebenfalls Spina Bifida hat.
- Jungen sind besonders verunsichert, wenn sich die Lähmung auf die Erektionsfähigkeit auswirkt > Jungen und junge Männer vergleichen ja oft ihre Penisse
- Mädchen und Jungen, bei denen der Unterkörper gelähmt ist und/oder Sensibilitätsstörungen hat, müssen erst einen Weg finden hin zu ihrer Sexualität in Bezug auf die betroffenen Geschlechtsorgane
- nicht selten wird der gelähmte Körperteil vernachlässigt und abgelehnt
Meine eigene Pubertät
- mit zunehmender Behinderung hatte ich andere Sorgen als wie finde ich einen geeigneten Partner
- Diagnose mit 15, zu der Zeit im Schulsport schon eine 4
- trotz meines ich sag mal attraktiven Aussehens hatte ich meinen ersten Freund erst mit 18 1/2 Jahren
Wie reagieren darauf behinderte Jungen/Mädchen?
- Mädchen finden sich oft mit der klassischen Rolle des Kumpels/der guten Zuhörerin ab und erhoffen sich für die Zukunft keine Partner- und Mutterschaft
- Ziehen sich eher zurück, um nicht verletzt zu werden bis hin zur Depression
Eine Reaktion kann auch der Mutismus sein. Der Mutismus (psychogenes Schweigen) ist das beharrliche, (zunächst) absichtlich herbeigeführte oder psychisch bedingte Schweigen eines Menschen, ohne dass ein Defekt der Sprachorgane vorliegt.
- Jungen werden eher aggressiv
- In der Schule kann es zu Leistungsverweigerung kommen
Was können Eltern richtig/falsch machen?
- übertriebener Schutz durch Schuldgefühle bzw. wollen Kinder vor Enttäuschungen bewahren
- Kinder müssen jedoch ihre Erfahrungen sammeln, auch und gerade den ersten Liebeskummer!
- Krisen, die durchgegangen werden, machen den behinderten jungen Menschen stärker. Deshalb nicht im Vorfeld alle Konflikten für den behinderten Menschen ausräumen!
- Pubertät ist die Phase, wo zum ersten Mal Behinderung schmerzlich bewusst wird
- hier heißt es für Eltern: ehrlich sein
- Begleitung wichtig
- sehr passend an dieser Stelle finde ich die Thesen von Lothar Sandfort die ich hier zitieren möchte:
Behinderung darf nicht als individuellen Feind gesehen werden, den es zu bewältigen gilt, sondern als Teil der Persönlichkeit, der allein deswegen gut ist, weil er zu dem betreffenden Menschen gehört.
Behinderung würde demnach korrekt als eine Form der Kommunikation gesehen, auf die sich Behinderte einstellen können ohne sich zu verleugnen.
Sie können sich dann darauf einstellen, dass sie sich beim Flirt der eigenen Behinderung besonders sicher sein müssen, um trotz der kulturellen Verunsicherung (d. h. gesellschaftliche Verunsicherung gegenüber Behinderten) "anmachen" zu können. Dazu dürfen sie aber niemanden erlauben, ihre Behinderung schlecht zu machen in dem Sinne wie:
Gib das gute Händchen!
Gut gemeintes Lob: Deine Behinderung fällt gar nicht auf
- Wenn Kindern ihre Behinderung peinlich ist, sollten Eltern ihnen helfen, das zu ändern
- Kindern nicht nur Defizite vermitteln, einfach auch mal kuscheln und in den Arm nehmen. Durch die vielen Therapien wie Krankengymnasten sind Eltern oft Co-Therapeuten
- Mädchen, die seit Geburt an behindert sind, werden oft widersprüchlich erzogen: Manche Eltern orientieren sich sehr an der traditionellen Frauenrolle und wollen das Mädchen dazu bringen, eine gute Haus- und Ehefrau zu werden um so vielleicht doch attraktiv genug für einen Mann zu werden. Das Problem kann sein, dass die Männer mit wenig Vorurteilen, die sich auf eine behinderte Frau einlassen, vielleicht gar kein "Heimchen am Herd" suchen, sondern eine Frau, die selbstbewusst und selbstbestimmt durchs Leben geht.
- Andere Eltern erziehen ihre Mädchen genau gegenteilig und suggerieren ihnen von Anfang an, dass sie eh keinen Mann kriegen werden und deshalb äußerst erfolgreich im Beruf sein müssen, um sich selbst finanzieren zu können. Außerdem sollen Erfolge in der Schule und im Beruf mangelnde weibliche Reize wettmachen.
- Kinder nicht zu angepasst und unauffällig erziehen, sollen ruhig mal verrückt sein
- Ablösungskonflikt durch die Pflege
- Oft ist es immer noch selbstverständlich, dass Mütter bei ihren jugendlichen Söhnen und Väter bei ihren jugendlichen Töchtern Intimpflege machen.
- Loslassen
- Assistenz
- Selbstständig wohnen
- Mobilität
- Finanzielle Unabhängigkeit - sich auch mal etwas leisten können
Alles dieses macht die Kinder attraktiv für eine Partnerschaft!
Wie mache ich das z. B. mit meiner Assistenz, meinem Wohnen und meiner Mobilität?
Wie habe ich meine eigene Pubertät in Bezug auf meine Eltern erlebt?
- auch ich wollte und will auch heute noch vermeiden, dass meine Eltern sich um mich Sorgen machen
- auch in anderen Systemen als der Familie, auf die ich angewiesen bin, bin ich sehr auf Harmonie bedacht
- die Ablösung erfolgte viel später als bei meiner nichtbehinderten älteren Schwester
- Ich wollte mir die Haare bunt färben, meine Mutter war dagegen: Musst Du noch mehr auffallen!
Aufklärung und Verhütung
- Viele sind in der Pubertät nicht aufgeklärt worden
- Pubertät ist für Eltern und Betreuer oft etwas negatives:
- Auch das noch
- Bloß keine schlafenden Hunde wecken (Masturbation in der Öffentlichkeit)
- Hier sollten Eltern mehr auf ihre Erziehungsfähigkeit vertrauen
- Haben große Angst, dass ihre Töchter schwanger werden und sie vielleicht auch noch ihre (behinderten) Enkelkinder großziehen müssen
- gerade hier schützt jedoch die rechzeitige Aufklärung!
- Es gibt gute Aufklärungsliteratur für die verschiedenen Altersgruppen und teilweise auch spezielle von Selbsthilfeverbänden.
- Es gibt gute Beratung bei Pro Familia, FrauenärztInnen und Urologen.
- Problem ist hier leider oft, dass barrierefreie Praxen und Beratungsstellen fehlen
In eigener Sache:
Ich arbeite in Oldenburg zusammen mit Rita Rockel seit mehreren Jahren mit im Arbeitskreis Sexualität, Partnerschaft und Elternschaft behinderter Menschen.
Wir haben eine Anfrage an das Niedersächsische Netzwerk, ob eine Umfrage gestartet werden kann bei den Frauenärtzinnen und den Stellen der Geburtsvorbereitung und Geburtshilfe.
Abgefragt werden sollen:
- Zugang zur Praxis
- Toiletten
- Zeitkorridor der Untersuchung (wichtig nicht nur für mobilitätsbehinderte sondern z. B. auch für Frauen mit Lernschwierigkeiten)
- Untersuchungsstuhl/liege (Höhenverstellung, Transferplatz drumzu)
- Assistenz durch Arthelferinnen möglich?
AIDS
Vorsicht! Behinderung schützt nicht vor AIDS!
- Gefahr vor Übergriffen
- Überhaupt wird die Gefahr von der Bevölkerung, besonders von Jugendlichen, zunehmend unterschätzt.
Sexuelle Übergriffe
Dieses sehr sensible und umfangreiche Thema möchte ich nur kurz anreißen, da es dafür wesentlich besser ausgebildetete Expertinnen gibt Behinderte Mädchen, Frauen, Jungen und Männer sind wesentlich häufiger davon betroffen als die nichtbehinderte Vergleichsgruppe.
Grund in den Abhängigkeiten und dem eigenen Körperbild/empfinden
- Häufiges Ausziehen vor und Anfassen von Ärzten und Therapeuten.
- so richtig war mir das selbst erst vor ein paar Jahren auf der Reha bewusst geworden, als ich mich bei der Eingangsuntersuchung selbstverständlich soweit auszog, dass ich obenherum nackt war und der Arzt mich darauf aufmerksam machte, dass ich ruhig das Unterhemd anbehalten könnte.
- Eltern können ihre Kinder schützen, indem sie sich selbstbewusst machen und dabei helfen, ihre Intimsphäre zu finden und zu bewahren.
- Aufklärung schützt: Es ist wichtig, den Körper zu kennen und Worte dafür zu haben
- junge Mädchen/Frauen mit Behinderung wollen teilweise ihre Weiblichkeit /Attraktivität damit erhöhen, dass sich sehr sexy anziehen.
Selbstbefriedigung/erste sexuelle Erfahrungen sammeln
Auf dieses Thema werde ich heute Nachmittag näher eingehen im Zusammenhang mit sexueller Assistenz und Hilfsmitteln.
An dieser Stelle jedoch Betonung:- sehr wichtige Möglichkeit den eigenen Körper kennen zu lernen für alle Kinder und Jugendlichen
- besonders wichtig für behinderte Kinder und Jugendliche
- leider haben gerade sie damit oft Schwierigkeiten:
- erschwerte bis unmögliche Umsetzung durch körperliche Behinderung
- zu selten ungestört
- zu selten unbeaufsichtigt in Gruppen mit anderen Kindern, um genug Erfahrungen zu sammeln
- Erfahrungen sammeln manchmal leichter mit anderen behinderten Jugendlichen z. B. in Schule und Internat
- erschwerter Zugang zu "Aufklärungsinformationen" und Ansprechpartnerinnen
- teilweise heikles Thema bei Menschen mit Lernschwierigkeiten
- Ermutigung für Eltern, Erzieher und andere Helfer:
- Unterstützen Sie die Kinder/Jugendliche mit Informationen, evtl. Hilfsmitteln, Kontakt zu AnsprechpartnerInnen und lassen ihnen die notwendige Intimsphäre!
Wie mache ich mich attraktiver/interessanter
- dieses ist nicht nur für Jugendliche interessant und zutreffen sondern auch für erwachsene Frauen und Männer mit Behinderung
- Erst mal die äußeren Umstände schaffen:
- Ausreichende Assistenz/ Selbstständigkeit/Mobilität
- Mut! Mit Beratung ist vieles möglich!
- Freistrampeln von den Eltern (sich z. B. auch nicht hereinreden lassen bei der Partnerwahl)
- gemütliches Nest anstatt "Pflegewohnung"
- attraktive individuelle Kleidung
- attraktive Gestaltung von Hilfsmitteln
- mein eigenes Beispiel: schwarzes Korsett, schicker Rollstuhl, körpernähere Kleidung, Kleider und Röcke bis hin zu speziellem erotischen Outfit für Parties
- Individuelle Note/Verrücktheit (wenn schon auffallen, dann positiv!)
- Sich nicht einigeln sondern aktiv sein, unter Leute gehen
- Sozialverhalten
- Benehmen
- Anspruchshaltung
- Nicht der "Leistungsnorm" entsprechen bzw. sich mit Arbeit "ablenken" sondern genug Kraft und Energie für die Freizeit übrig lassen.
Vorbilder suchen:
- Kontakt zu älteren behinderten Männern und Frauen aufnehmen über behinderungs/krankheitsspezifische Selbsthilfeverbände wie die DGM oder behinderungsübergreifende Interessensvertretungen wie Selbstbestimmt Leben
- Netzwerke/Gruppen für behinderte Mädchen und Frauen
- Neues Buch aus der Schweiz: Stärker als Ihr denkt: Junge Frauen erzählen, wie sie ihren Weg gehen - trotz ihrer Behinderung
- Meine eigenen Vorbilder: z. B. Christian Judith in Bezug auf Ausstrahlung und Tanzen
Wie und wo kann ich jemanden kennen lernen?
- Über alltägliches Engagement, Aktivitäten (z. B. Italienischkurs)
- Partys, hier kann tanzen sehr hilfreich zur Selbstdarstellung sein
- ganz anderer erster Eindruck: Aktiv, lebendig statt leiden und in der Ecke sitzend
- Problem aber auch: Viele Party/Diskos nicht zugänglich oder es geht hier klar nach "Äußerlichkeiten" , aber trotzdem!
- Kontaktanzeigen (meine eigene Strategie)
- Chat (Vor- und Nachteile: Auch bei fehlender Mobilität und Sprechbehinderung aber auch Anonymität, sich hinterm PC, auch in einer fiktiven Person, verstecken bis hin zur Vereinsamung)
- Auf jeden Fall rechtzeitig die eigene Behinderung erwähnen. Sonst kommt es fast immer zu Enttäuschungen auf beiden Seiten.
- Andererseits halte ich nichts von einem Offenbarungseid und genaue Beschreibung von Anfang an.
- Erstes Treffen in einer Umgebung stattfinden lassen, in der ich mich wohl und sicher fühle, wo ein Rolliklo in der Nähe ist und somit meine Behinderung nicht mehr Raum einnimmt als notwendig ist.
- Partnervermittlungsstellen
- zum. Beispiel: www.Handicap-love.de
- In den ersten zwei Jahren 15.000 Mitglieder angemeldet, abends bis zu 100 online.
Weitere Beispiele:
http://www.p-m-partnervermittlung.de/
http://www.papasu.de/
http://www.handicapflirt.net/Chatrooms bei z. B. Startrampe
Speziell für Menschen aus Einrichtungen/Lernschwierigkeiten:
http://www.schatzkiste-alsterdorf.de/
Dieses gibt es jetzt auch in Köln durch "Schatzsuche" (Träger Diakonie Michaelshoven) und in Berlin durch "Traumpaar" (Träger Lebenshilfe)
Meine persönliche Meinung dazu:
- Meist bleiben die Behinderten relativ unter sich, was ein großes Manko dieser speziellen Angebote ist
- Auch, weil sich die meisten behinderten Menschen einen nichtbehinderten Partner wünschen
Es sind jedoch dort auch schon viele glückliche Partnerschaften entstanden/vermittelt worden, auch mit Nichtbehinderten
Partnerschaft:
Was hält Nichtbehinderte davon ab, sich auf behinderte Frauen und Männer einzulassen?
- werden nicht als sexuell aktive wahrgenommen, eher als Kumpel
- Behinderte gelten nicht als attraktiv, weil sie nicht folgende Attribute erfüllen:
- Schön, gesund, sportlich und potent
- wertet die Nichtbehinderten ab: kriegt der keine andere?
- Lassen sich nicht auf Flirt ein, weil sie den/die Behinderte/n hinterher nicht verlassen dürfen: Behinderte leiden, es darf ihnen kein weiteres Leid zugefügt werden
Was für einen Partner wünschen sich behinderte Frauen und Männer?
Welche Vor- und Nachteile hat die Behinderung/Nichtbehinderung des Partners?
Weshalb wählen Nichtbehinderte behinderte PartnerInnen?
- RollifahrerInnen wecken Beschützerinstinkte bei Männern und helfende/bemutternde Instinkte bei Frauen
- Behinderung als Fetisch
- Behinderter Partner gibt vermeintliche Sicherheit, einen nicht so schnell zu verlassen
- Vielleicht war die eigene Mutter/der eigene Vater behindert
- Der Partner soll nachweislich Erfahrungen in Lebenskrisen haben. Sex allein und ein schöner Körper trägt dauerhaft keine Beziehung.
- Frauen, die nicht ewig männlich penetriert werden wollen, sind offen für einen querschnittsgelähmten Mann
- U. a. m.
Haben es behinderte Männer leichter eine Partnerin zu finden als behinderte Frauen?
- Die Gesellschaft erwartet eher von Frauen, dass sie einen behinderten Partner haben und pflegen
- Zahlen von 1987: 75% der körperbehinderter Männer waren verheiratet, aber nur 49% der körperbehinderten Frauen. Heirat ist ja heute nicht mehr das Kriterium für eine erfüllte Partnerschaft
- Zahlen von 2000 (laut der Broschüre Sexualität und körperliche Behinderung von Pro Familia) 16-60 jährige Frauen mit Behinderung sind genauso häufig verheiratet wie nichtbehinderte Frauen.
- Studie Live Leben und Interessen vertreten Frauen mit Behinderung vom Bundesministerium 2000: Drei Viertel der befragten Frauen lebten in einer festen Partnerschaft. Daraus schlossen die Auswertenden der Studie, dass behinderte Frauen ihre Sexualität genauso leben wie nichtbehinderte Frauen. Es wurde jedoch nicht gefragt, ob die Partnerschaft schon bei Eintritt der Behinderung bestand (Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Einmischen Mitmischen Informationsbroschüre für
- behinderte Mädchen und Frauen)
Womit kämpfen behinderte Frauen?
- Schönheitsideal entsprechen
- Hausfrau und Mutter sein können
- Selbstständigkeit beweisen
Womit kämpfen behinderte Männer
- Männerbild entsprechen: Stark und potent
- Finanziell gut gestellt sein, um die Familie zu ernähren
Welche Schwierigkeiten tauchen in Partnerschaften auf bzw. wie kann man Schwierigkeiten vermeiden?
- Wichtig: viel und rechtzeitig kommunizieren!
- vieles in Ruhe gemeinsam ausprobieren
- auch mal zusammen lachen (oder weinen), wenn etwas nicht klappte
- Partner von Pflege/Assistenz entlasten
- aber auch mal sich helfen lassen!
- Genug positives zusammen erleben, gemeinsame Hobbys/Bewegungsmöglichkeiten suchen (z. B. Schwimmen, Rollstuhltanz, Rollfiets)
Welche Auswirkungen hat es auf den Bereich Partnerschaft, ob die Behinderung von Geburt an oder später aufgetreten ist?
Was passiert, wenn Behinderungen in bestehende Partnerschaften treten?
- Trennung von Paaren bei Eintritt einer Querschnittslähmung?
- Der überwiegende Teil der Betroffenen übersteht die erste Risikophase ohne das ihre Beziehung auseinander geht.
- Gefährdet sind kurze Beziehungen, Beziehungen in denen das Aussehen und der Status eine gr. Rolle spielen, oder Beziehungen in denen die Verwandten starken Einfluss ausüben.
- Pflege vom eigenen Partner ist Erotik tötend.
- Balance in der Partnerschaft ist wichtig.
Besonderheiten bei schwuler/lesbischer Orientierung
- doppelt anders ist der Titel einer Untersuchung junger Lesben, Schwuler und Bisexueller mit Behinderung
- daraus und aus persönlichen Gesprächen entnehme ich, dass es schwule und lesbische behinderte junge Menschen oft schwer haben
- Körperkult in der Schwulenszene und gleichzeitige Anpassung an die Gesellschaftsnorm
- Auch Lesben wollen teilweise integriert und akzeptiert werden, was das Einlassen auf eine weitere "Andersartigkeit" erschweren kann
- Für beides kenne ich aber auch positive Beispiele von betroffenen Männern und Frauen, die aktiv, selbstbewusst, positiv und im Frieden mit ihrem Körper erfolgreich in der "Szene" unterwegs und Sexual- oder Lebenspartnerschaften leben
- Hierzu gibt es bundesweit und teilweise auch regional Beratung, Interessensvertretungen und Netzwerke.
Was sind meine eigenen Erfahrungen?
- erster Schritt
- danach war ich aber oft positiv überrascht, wie gut die Männer mit meiner Behinderung klarkamen und was sie selbst alles dazu bei- und mitgetragen haben. Das muss nicht alles ich alleine schaffen und regeln.
- Kampf um Affären
- Hilfe annehmen ohne Verantwortung abzugeben (Schwäche ist weiblich ?!)
- "Körperfeedbac" ein Puzzlestein kam zum nächsten: Beispiel: sein Arm passt gut in mein Hohlkreuz, wenn er hinter mir liegt
- Psychisch stärker als Partner, Gradwanderung:
- Einerseits will ich gebraucht werden (so kann ich selber besser Hilfe annehmen), andererseits aber nicht ausgesaugt werden und auch mal schwach sein können > behinderte Frauen (und Männer?) werden leicht als "Kummerkasten" missbraucht
- Schützte mich meine Behinderung vor Enttäuschungen? Meist schon, je selbstbewusster ich werde und "normaler" ich behandelt desto größer ist jedoch die Gefahr der Enttäuschungen - Da hilft mir Lothar Sandforts Forderung: Auch behinderte Menschen haben ein Recht auf Liebeskummer!
- Wo und wie habe ich meine Lebens- und/oder Sexualpartner kennen gelernt?
Wo gibt es Informationen?
- Umfassend informieren in Bezug auf die eigenen Behinderung und Sexualität/Partnerschaft/Elternschaft
- oft haben Selbsthilfeverbände spezielle Broschüren
- spezielle behinderungsübergreifende Bücher mit Tipps zu z. B. geeigneten Stellungen und Hilfsmitteln
- Gesprächskreise und Workshops auf Symposien und anderen Treffen von Selbsthilfeverbänden (gibt es z. B. für Jugendliche, Erwachsene, Eltern und auch teilweise für PartnerInnen
- spezielle Foren/mailinglisten (meine z. T. negativen Erfahrungen: immer ist die Behinderung schuld, mit guten Tipps trat ich ins Fettnäpfchen (gute Fingerfertigkeit von blinden Menschen)
- Ärzte (z. B. Frauenärzte, Urologen, Neurologen und Orthopäden) und KrankengymnastInnen befragen
- es ist wichtig und gibt Sicherheit, sich gut mit den Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Körpers auszukennen
- Leider gibt es immer noch Ärzte, die nicht über das Gebiet Sexualität sprechen können oder wollen, aber es gibt auch genug, die es können. Viele Selbsthilfeverbände haben auch verbandseigene Ärzte.
- Es ist teilweise schon eine kleine Odyssee. Z. B habe ich selbst mal erforscht, welche Auswirkungen Analverkehr bei meiner Behinderung haben kann. Da musste ich beim Fragen meinen Mut schon ganz schön zusammen nehmen.
- Individuelle Sexualberatung in Anspruch nehmen
Wie kann Mut gemacht werden?
- 2sames, Dokumentationsprojekt über Paare mit einem behinderten und einem nichtbehinderter PartnerIn .
- Im folgenden werden 32 Paare vorgestellt, von denen einer der Partner behindert ist (darunter bislang querschnittgelähmte, spastisch gelähmte, muskelkranke, blinde, taubblinde und gehörlose Menschen, kleinwüchsige Menschen sowie Menschen mit Osteogenesis imperfecta, Conterganschädigung, Rheuma und Multiple Sklerose). Die Paare erzählen die Geschichte über das Zustandekommen ihrer Beziehung.
- http://www.2sames.de/
- Erotik-Workshops mit Rollenvorbildern und mutmachende Erfahrungen stärker Behinderter, praktische Tipps, manches muss man gesehen haben (zwei Spastikerinnen beim Sex)
- Erotische Fotos machen lassen bzw. Bodypainting. Dieses werden sich jedoch meist erst ältere trauen.
- Hilfreich könnte es jedoch für Jugendliche und junge Erwachsene sein, wenn sie sich Fotoausstellungen bzw. Fotobücher mit ästhetischen/erotischen Fotos von behinderten Männern und Frauen ansehen. Beispiel Fotos von Rasso Bruckert: s. Büchertisch
Unser Angebot vom Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB)
- Hauptsitz mit Tagungs- und Gästehaus ist in Trebel im Wendland, weitere assoziierte Beratungsstellen des Instituts sind in Oldenburg und bald auch in Österreich
- 94/95 kamen vermehrt Fragen zur Sexualität: Zeit war reif und Behinderte trauen sich jetzt, diese Themen anzusprechen.
- Seit 97 Erotikworkshops für körperbehinderte Männer
Selbsterfahrung, tantrische Übungen, die Haut ist das größte Sexualorgan des Menschen, das Genießen, was man hat (das Glas ist halbvoll), Koitus ist nur ein Teil der Sexualität, Erotik ist aber mit einer Geschichte verbunden, erotische Phantasien/Geschichten sind besonders wichtig für Behinderte
- Irgendwann Frage nach Frauenworkshops, doch von den 5 Versuchen hat sich keiner gehalten
- Frauen wollen eher Gesprächskreise
- Frauen kommen oft nicht nach Trebel, da sie die Menschen kennen wollen, mit denen sie Erotikworkshops machen
- Männern ist es "egal" , mit wem sie intim werden.
- Dafür entstanden gemischte Gruppen
- Gruppe der "Erfahrenen" (sind mutiger)
Wie läuft so ein Wochenende ab?
Freitag Abend erotische Tafel
... am Samstag morgen reden wir über uns und unsere ganz individuellen Möglichkeiten, Sex zu haben und Beziehungen zu gestalten.
Jetzt sind wir als Behinderte unter uns.
Am Samstag Nachmittag kommen unsere SexualbegleiterInnen zur Gruppe dazu.
Sie leiten einige tantrische Übungen an, die uns helfen, unsere eigenen Körper lustvoller zu erleben und mit sich selbst in Kontakt zu kommen.
Es gibt auch Übungen zu zweit oder mit mehreren.
Die nichtbehinderten Sexualbegleiterinnen nehmen teil und bringen sich selbst ein.
Abends Dates möglich.- Seit 2005 auch Angebot für kognitiv eingeschränkte Menschen. Dieses Angebot ist jedoch ganz anders als das Angebot für die Körperbehinderten.
- So werden beim erotischen Mahl statt Geschichten vorlesen pornographische Videos angeschaut, es sind jedoch sinnliche und keine rein - raus Videos.
- Die Workshops finden immer mit 1-2 SexualbegleiterInnen statt, im Vordergrund steht aber die Selbsterfahrung. Die Workshops für Menschen aus Einrichtungen sind eher wie therapeutische Angebote aufgebaut.
- Es wird wesentlich mehr gehandelt als geredet, weil die TeilnehmerInnen ihre Stärke in der nonverbalen Kommunikation haben: Rollenspiele, Übungen, Filme.
- Begleitende MitarbeiterInnen können eine Fachberatung bekommen
- ca. 100,-- Unterkunft und Verpflegung, 30,- Teilnahmegebühr und gesondertes Honorar, wenn ein Date gebucht wird
- Als Freizeitfahrt können die Kosten von den meisten Einrichtungen übernommen werden.
Nächste Termine
Gruppe für Körperbehinderte 17.-19.11.2006
http://www.peercity.de/index.php?act=view_location_id=54
Gruppe für Menschen aus Einrichtungen 20.-22.10.2006
http://www.peercity.de/index.php?act=view_location_id=601Der Unterschied zwischen "unserer" Sexualbegleitung und den Angeboten beispielsweise von "Sensis" ist, dass wir die Sexualbegleitung dafür nutzen, dass wir an uns arbeiten können und wollen. Wir bleiben selbstbestimmt und vermitteln selbst, was wir brauchen und wollen. Wir haben die Fäden über das Angebot selbst in der Hand. In Trebel ist eine Sexualberaterin nur über die Workshops kennen zu lernen. Wir bieten keine pure Prostitutionsvermittlung! Das gibt es woanders. Zusammen mit Nina de Vries gibt es in Deutschland aktuell 5 von uns ausgebildete SexualbegleiterInnen, die in diesem Bereich auch arbeiten. Die meisten von ihnen arbeiten nur in Trebel, einige auch in Einrichtungen.
Die Ausbildung Sexualbegleitung: keine besonderen Voraussetzungen notwendig, häufig sind es ErgotherapeutInnen, HeilprakterInnen oder Prostituierte. Anruf, Bewerbung und Lebenslauf, Kennen lernen der Einrichtung in Trebel (ein Wochenende), danach entscheiden beide Seiten, ob es passt. Ausschlußkriterien: Persönliche Probleme. Midlife-Crisis. Es ist keine Ausbildung im klassischen Sinn, lernen eher durch Praxis und intensive Supervision, in denen Fragen geklärt werden, wie z. B.:
- Wie sage ich es einem Kunden, wenn er riecht?
- Wie gehe ich damit um, wenn en Kunde keinen Koitus will (das ist für Prostituierte ungewöhnlich und oft bei Menschen mit geistiger Behinderung)
Grund, warum Einrichtungen Sexualbegleiterinnen holen, ist oft das auffällige Verhalten von Männern. Da Männer eher ein ausagierendes Verhalten haben und Frauen eher einen Hang zur Depression haben, gibt es mehr männliche Kunden.
- Bei Männern wird es gesellschaftlich eher akzeptiert, da Männer als "triebgesteuert" gelten
- So ist Prostitution bei Männern oft o. k. und sie machen es auch öffentlich
- Frauen müssen sich dagegen viel mehr rechtfertigen und haben eine große Hemmschwelle.
- Weiterer großer Bereich ist die Sexualberatung, auch telefonisch, da nicht jeder an einem Gruppenangebot teilnehmen möchte
- Wir unterstützen die Ratsuchenden beim Entwickeln von Selbstbewusstsein, denn dann ist es leichter, sich auf Sexualität einzulassen
- Unser wichtigstes Ziel ist die Emanzipation, auch und besonders im Bereich Sexualität
Weitere Angebote:
Ausbildung in Sexualbegleitung
Nähere Informationen finden Sie hier:
http://www.peercity.de/index.php?act=view_location_id=333Sexualberatungsfortbildungseminar
Unser Weiterbildungsangebot richtet sich an behinderte und chronisch kranke Menschen.
Außerdem an Nichtbehinderte, die zumindest punktuell in Einrichtungen der Behindertenarbeit tätig sind und sich vorstellen können, ihre Arbeit um die Kompetenz "Sexualberatung" zu erweitern.
Ab Dez. 2006
Nähere Informationen finden Sie hier:
http://www.peercity.de/index.php?act=view_location_id=113


