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Niedersächsisches Netzwerk behinderter Frauen - Netzwerktreffen am 09.06.2006

Oktober 2006

Auf Einladung des Niedersächsischen Netzwerks behinderter Frauen trafen sich am 13.10.2006 behinderte Frauen im Kreishaus des Landkreises Oldenburg in Wildeshausen. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an die Behindertenbeauftragte des Landkreises Rita Rockel für die sehr gute Vorbereitung der Veranstaltung.Wir haben uns in der liebevoll von ihr gestalteten Herbstdekoration sehr wohl gefühlt. Rita Rockel ist selber auch schon jahrlang Netzwerkerin. Aus Hannover waren neben vielen Teilnehmerinnen die Netzwerksprecherinnen Ina Neufrau und Andrea Hammann, sowie Hannelore Kückemück von der Steuerungsgruppe und Ilona Fedorczuk vom Büro des Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen angereist um den Teilnehmerinnen Rede und Antwort zu stehen. Die Vorträge der Referentinnen fanden großen Anklag und es wurde eifrig im Anschluß diskutiert.Ihr findet beide Vorträge hier auf dieser Internetseite.

Bild: Auf dem Foto sind Hannelore Kückemück, Rita Rockel, Andrea Hammann

Bild: Auf dem photo sind Hannelore Kückemück, Rita Rockel, Andrea Hammann

Liebe Netzwerkerinnen,

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie wichtig es ist, herausgefordert zu werden und sich immer wieder an diesen Herausforderungen zu messen. Wie Sie wohl schon gehört haben, hat mich die Erfahrung, trotz Behinderung selbstdefinierte Ziele erreichen zu können, in besonderem Maße geprägt. Oftmals trafen mich verständnislose Blicke, wenn ich in den Alpen eher auf allen Vieren als auf zwei Beinen meine Leistungsgrenzen auf die Probe stellte oder wurde als betrunken abgestempelt, wenn ich mich im Winter auf eine schwarze Piste wagte.

Müssen behinderte Menschen sich und anderen so etwas antun? Andererseits fand ich aber auch immer wieder Unterstützung, meine körperlichen Grenzen in Frage zu stellen- angefangen bei meiner Mutter, die mich trotz mancher Bedenken von Kind auf in den Bergen begleitete, später von jungen bergbegeisterten Erwachsenen, die mir die Besteigung von Dreitausendern, Gletscherbegehungen und Mehrseil-längen- Klettertouren ermöglichten. Höhepunkt war die Teilnahme an einer einwöchigen Trekking- Tour im Wallis, die zusammen mit Rollstuhl-fahrern und Insassen einer Haftanstalt realisiert wurde. Dort wurde mir sehr deutlich, wie relativ Grenzen gesetzt werden und was alles möglich ist. Ich denke, dass es für mein Leben ganz entscheidend gewesen ist, dass ich immer wieder die Möglichkeit hatte, ungewöhnliche Wege zu entdecken und an Herausforderungen zu wachsen.

Trotz dieser Erfahrungen, bei denen ich übrigens auch im besonderen Maße soziale Integration erleben durfte, reagieren Fachkräfte aus der Behindertenhilfe oft sehr zurückhaltend auf integrative erlebnispäda-gogische Projekte. Da treten Bedenken in den Vordergrund :

"Wir vermögen mehr als wir glauben. Wenn wir dies erleben, werden wir uns in Zukunft nicht mit weniger zufrieden geben!"( Kurt Hahn, Wegbereiter der Erlebnispädagogik)

Für viele Menschen mit einer Beeinträchtigung ist es leider immer noch Realität, dass ihnen keine Möglichkeiten geboten werden, ihre wirklichen Grenzen auszutesten. Der Prozess ihrer Sozialisierung geht oft einher mit der "Überbehütung" durch die Eltern, die dann in die "fürsorgliche Belagerung" in manchen Institutionen der Behindertenhilfe übergeht. Fürsorgliche Belagerung, so Heinrich Böll, ist ein Verhalten, das aus realer oder fiktiver Bedrohung eines Menschen entsteht, das aber so massiv in sein Leben eingreift, dass es den Betroffenen beengt und geradezu erstickt. Und Alfred Adler schrieb über das Erziehungsverhalten von Müttern behinderter Kinder, die Verwöhnung durch die Mutter behindere die Entwicklung des Kindes dann," ..... wenn sie das Kind von jeder Mithilfe entbindet,.....für das Kind ständig denkt, handelt und spricht, ihm jede Entwicklungsmöglichkeit unterbindet und es an eine imaginäre Welt gewöhnt, die nicht unsere eigene ist...."(Adler in Hansen 1999, 261) Beispiele für ein solches Verhalten von Betreuungspersonen haben wir bei unseren TN reichlich.

Avishai Margalit, ein israelischer Philosoph, ist der Ansicht, dass eine Gesellschaft, selbst bei bester Güterausstattung ihrer Mitglieder, demütigende Strukturen und Institutionen aufweisen kann ( vgl. Margalit 1997). Um diesen Strukturen entgegen zu wirken und Alternativen aufzuzeigen, bietet der erlebnispädagogische Ansatz eine hervor-ragende Möglichkeit. Gewohnte Verhaltensweisen werden reflektiert und aufgebrochen, sowohl bei den behinderten TN (Herauslocken aus der Komfortzone) als auch bei den nichtbehinderten TN ( soziales Engagement, Rücksicht auf Schwächere, aber keine fürsorgliche Belagerung).

Eine Herausforderung reizt zur Bewältigung, das Lernen an der Wirklichkeit birgt ungeahnte Möglichkeiten- ich möchte Ihnen nun ein paar Beispiele aus meiner Arbeit zeigen.

Sexualität und Behinderung
Bericht aus der Arbeit einer Sexualberaterin

Meine Vorstellung:

Geboren wurde ich 1971 in Koblenz. Mit vier Jahren zogen meine Eltern mit mir um nach Osterode am Harz. Nach einer Schullaufbahn an Regelschulen machte ich 1990 mein Abitur.
Nach meiner Ausbildung zur Sparkassenkauffrau in der Stadtsparkasse Osterode zog ich nach Oldenburg, um dort erfolgreich Biologie zu studieren. Mein Studienschwerpunkt "Biologische und allgemeine Psychologie" sowie meine studienbegleitende Arbeit in der Selbsthilfe behinderter Studierender führte mich in die Richtung "Beratung behinderter und chronisch kranker Studierender" . In diesem Bereich arbeite ich seit Mai 1999 hauptberuflich als Beraterin beim Studentenwerk Oldenburg. Ich absolvierte u. a. Ausbildungen zur Peer Counselorin (Beratung von Gleichbetroffenen) und zur Sexualberaterin für behinderte Menschen.

Während ich meine Kindheit noch "unbehindert" verbringen konnte, traten die Auswirkungen meiner Behinderung in meiner Jugend immer mehr zu tage. Ich habe progressive Muskeldystrophie (fortschreitender Muskelschwund). Inzwischen benutze ich zur Fortbewegung meist einen meiner Rollstühle und bin zunehmend auf Assistenz bei der Arbeit und im Privatleben angewiesen.
Ich setze mich viel mit mir und meinem Körper auseinander. Es ist ein stetiger Prozess. Da ich Bewegung und Körperlichkeit liebe, verbringe ich gern meine Freizeit beim Tanzen, Schwimmen, Singen, in der Sauna oder bei anderen Aktivitäten.

Ich habe Visionen und Träume. In dem Glauben, dass ich sie erreichen kann, habe ich schon vieles umsetzen können. Inzwischen gehe ich mutig meinen eigenen Weg, ohne mich mit der traditionellen angepassten Rolle behinderter Frauen abzufinden.
Anderen behinderten Frauen und Männern möchte ich Mut machen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Was ist Sexualberatung?

Was umfasst Sexualberatung?

Welche Fragen oder Themen könnten Inhalte einer Beratung sein?

Wo, wie und für wen arbeite ich als Sexualberaterin?

Einzelberatungen von behinderten Männern und Frauen:
Persönlich oder telefonisch zu Fragen wie:

Workshops mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern

Gesprächskreis für muskelkranke Frauen

Workshop für Assistenznehmer zum Thema Sexualität und Assistenz

Moderation von Erotik-Workshops

Moderation und Referentin bei einer Weiterbildung für SexualberaterInnen

Schulungen mit MitarbeiterInnen der Behindertenhilfe

Schulungs- und Vortragsthemen:

Kunden und Kundinnen von mir sind Selbsthilfeverbände, Kontinenzfirmen, Pflege- und Assistenzdienste, Wohnheime oder Werkstätten für behinderte Menschen, selbst Betroffene und deren Eltern/Angehörige, BehindertenberaterInnen

Themenvortrag: Pubertät und Partnerschaft behinderter Menschen

Themenvortrag: Pubertät und Partnerschaft behinderter Menschen

Wo ich es passend finde, bringe ich im Vortrag auch persönliche Beispiele ein.
Sie können gerne weitere Fragen an mich stellen. Wenn es mir zu persönlich oder intim ist, werde ich es sagen.

Pubertät:
Sehr unterschiedliche Herangehensweise der Autoren:

Das möchte ich jedoch mit meinem Vortrag erreichen: Informieren und Mut machen.

Allgemeines: Beginn und Ende der Pubertät

Nach Wikipedia:

Unter Pubertät (lat. "Mannbarkeit" ) versteht man etwa seit dem 16. Jahrhundert den Teil der Adoleszenz, der die sexuelle Reifung enthält und zu einem ausgewachsenen Körper führt.

Diese Phase des Lebens beginnt, wenn die Gehirnanhangdrüse ein Signal an den Körper sendet, bestimmte Hormone zu produzieren. Bei Jungen ist es das Testosteron, bei Mädchen das Östrogen. Während der Pubertät kommt es zur Geschlechtsreife und zur Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale, wie etwa der geschlechtsspezifischen Körperbehaarung. Bei Mädchen beginnt in der Pubertät die Menstruation. Bei Mädchen wird in unseren Breiten die Pubertät zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr und bei Jungen zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr durchlaufen. Während man früher annahm, dass sich die Sexualität des Menschen erst mit der Pubertät entwickelt, gilt es heute als anerkannt, dass der Mensch schon als Kind sexuelle Regungen hat.

Gleichzeitig mit den hormonellen und daraus folgenden körperlichen Veränderungen nehmen aber auch die kognitiven Fähigkeiten der jungen Menschen erheblich zu.

Dieser soziale Aspekt der Pubertät und die daraus entstehenden Konflikte ist auch für Eltern und Erzieher eine große Herausforderung.

Inwieweit unterscheidet sich die Pubertät behinderter und nichtbehinderten Jugendlichen?

Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene mit OI Osteogenesis imperfecta

Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene mit Spina Bifida

Auf zwei sogenannten Kontinenzwochenenden mit Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern habe ich mit diesem Personenkreis gearbeitet.

Zurück zur Besonderheiten in der Pubertät bei Spina Bifida:

Meine eigene Pubertät

Wie reagieren darauf behinderte Jungen/Mädchen?

Eine Reaktion kann auch der Mutismus sein. Der Mutismus (psychogenes Schweigen) ist das beharrliche, (zunächst) absichtlich herbeigeführte oder psychisch bedingte Schweigen eines Menschen, ohne dass ein Defekt der Sprachorgane vorliegt.

Was können Eltern richtig/falsch machen?

Behinderung darf nicht als individuellen Feind gesehen werden, den es zu bewältigen gilt, sondern als Teil der Persönlichkeit, der allein deswegen gut ist, weil er zu dem betreffenden Menschen gehört.

Behinderung würde demnach korrekt als eine Form der Kommunikation gesehen, auf die sich Behinderte einstellen können ohne sich zu verleugnen.

Sie können sich dann darauf einstellen, dass sie sich beim Flirt der eigenen Behinderung besonders sicher sein müssen, um trotz der kulturellen Verunsicherung (d. h. gesellschaftliche Verunsicherung gegenüber Behinderten) "anmachen" zu können. Dazu dürfen sie aber niemanden erlauben, ihre Behinderung schlecht zu machen in dem Sinne wie:

Gib das gute Händchen!

Gut gemeintes Lob: Deine Behinderung fällt gar nicht auf