Niedersächsisches Netzwerk behinderter Frauen - Referat von Frau Dipl. Päd. Ilka Spiess
Zur Situation behinderter Frauen in Werkstätten und Wohnheimen und deren berufliche Eingliederung
Für eine Untersuchung habe ich Leute befragt, die früher in Werkstätten für behinderte Menschen gearbeitet haben und heute einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Ich wollte von ihnen wissen, wie es ihnen heute geht. Sind sie froh, die Werkstatt verlassen zu haben? Haben sie eine feste Arbeitsstelle, mit der sie zufrieden sind? Geht es ihnen privat, zu Hause gut? Und wie war das damals, als sie die Werkstatt verlassen wollten, wer hat ihnen geholfen, wie ging das vor sich?
Einige Ergebnisse möchte ich an dieser Stelle vorstellen:
- Viele von ihnen sind viel selbstständiger geworden, seit sie die Werkstatt verlassen haben. Zum Beispiel sind mehrere aus dem Wohnheim ausgezogen und wohnen jetzt in einer eigenen Wohnung. Sie nehmen heute nur noch Wohnassistenz in Anspruch. Die brauchen sie noch für Behördenangelegenheiten oder zur Hilfe bei der Einteilung des Geldes. Sie können in aller Regel nicht ausreichend lesen und schreiben, um alles Schriftliche alleine zu bearbeiten. Das stört sie aber nicht.
- Die Personen, die Unterstützung durch einen Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst (QVD) oder einen Integrationsfachdienst (IFD) hatten, hatten es einfacher, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Diejenigen, die keine Unterstützung hatten, hatten es sehr viel schwieriger. Wer Unterstützung eingefordert hat und sie auch bekommen hat, konnte alles einfacher regeln.
- Die größten Chancen, einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden haben diejenigen, die von einem QVD oder einem IFD unterstützt werden. Dann ist es auch egal, ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt und dass es zurzeit sehr viele Arbeitslose und wenige Stellen gibt.
- Auch diejenigen, die Unterstützung haben, können arbeitslos werden, z. B. wenn eine Firma in Konkurs geht. Doch wer Unterstützung hat, findet dann meistens auch wieder einen anderen Arbeitsplatz.
- Alle sind froh darüber, dass sie es gewagt haben, die Werkstatt zu verlassen. Niemand möchte freiwillig zurückkehren. Alle fanden es sehr schlecht, dass sie in der Werkstatt so wenig Geld bekommen haben. Sie fühlten sich dort nicht wohl und finden, dass sie dort nicht hingehören.
- Am neuen Arbeitsplatz sind am Anfang vor allem die längeren Arbeitszeiten und die kurzen Pausen anstrengend. Alle habe sich aber daran gewöhnt und finden es heute normal, mehr und länger als in der Werkstatt zu arbeiten. Besonders wichtig ist es ihnen, dass das Betriebsklima gut ist und sie gut mit den Kolleg(inn)en auskommen. Bei einigen gab es Probleme mit einzelnen Kolleg(inn)en. Wenn ein IFD eingeschaltet war, konnte das aber immer geklärt werden.
- Einige Personen haben mit Unterstützung des QVD den Führerschein gemacht. Als sie ihr erstes Geld verdienten, konnten sie sich ein Auto kaufen und mit dem zur Arbeit fahren. Diese Leute müssen nicht lesen und schreiben können.
Ein Beispiel für eine Frau, die aus der Werkstatt für behinderte Menschen in den Arbeitsmarkt gewechselt ist: Maren Lohmann
(Name wurde verändert):
Maren Lohmann ist 33 Jahre alt und lebt heute gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in einer Mietwohnung in einer Stadt. Die beiden haben sich in der Werkstatt kennen gelernt, wurden aber erst ein Paar, als beide einen Arbeitsplatz außerhalb der Einrichtung eingenommen hatten.
1985 tritt Frau Lohmann in den Berufsbildungsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen ein und wechselt anschließend in den Arbeitsbereich. Dort ist sie vier Jahre lang in der Näherei tätig. Dann wird sie von ihrer Gruppenleitung angesprochen, ob sie Interesse daran habe, in einer Gardinennäherei tätig zu werden, die eine Bekannte ihrer Gruppenleitung betreibt. Dort bekommt sie nach einem Praktikum einen Arbeitsvertrag. Anfangs gefällt es ihr sehr gut an ihrem neuen Arbeitsplatz, aber mit der Zeit verschlechtert sich ihr Verhältnis zur Chefin und die Situation wird sehr belastend. "Und ich mochte da einfach nicht mehr hingehen. Ich hab schon morgens an der Bushaltestelle, stand ich da und hab mich übergeben, mit Magenschmerzen hingegangen" . Schließlich kommt es zur Kündigung.
Anschließend ist Frau Lohmann arbeitslos bis eine Integrationsfachkraft ihr einen Arbeitsplatz in der Näherei und Polsterei einer Möbeltischlerei vermitteln kann. Da der Betrieb sehr abgelegen ist, fährt sie jeden Tag mit dem Fahrrad zu einem Kollegen, der sie dann im Auto mitnimmt. Zuerst absolviert sie dort ein längeres Praktikum. Als sie nach dem Sommerurlaub eingestellt wird, fordert der Arbeitgeber auf einmal viel mehr Leistung von ihr als während des Praktikums. "Hab ich bis zum Sommerurlaub praktisch die leichten Sachen gekriegt zu machen, abketteln und bisschen und sowas einnähen. Das hab ich ja gut gepackt. Aber nach 'n Urlaub ging 's ja ran mit Stuhlkissen nähen. Und das hab ich noch nicht gepackt, diese zu nähen. Mindestens drei hätt ich am Tag fertig haben müssen. Ich hab noch nicht mal eins gepackt, weil das einfach zu schwierig war" . Nach einem halben Jahr kommt es zur Kündigung.
Danach ist Frau Lohmann wieder einige Zeit arbeitslos, bis eine Integrationsfachkraft für sie einen Vorstellungstermin in einer Großküche vereinbaren kann. Frau Lohmann hatte noch nie in einer Küche gearbeitet und wusste nicht so recht, ob sie das wirklich wollte. Sie sagt aber: "Probieren kann man 's ja" . Nach dem Vorstellungsgespräch beginnt Frau Lohmann dort zu arbeiten und bekommt nach einem Praktikum einen Arbeitsvertrag von dem Arbeitgeber, der Großküchen und Kantinen in mehreren großen Unternehmen betreibt und dort auch selbst als Koch mitarbeitet. Frau Lohmann arbeitet dort heute auch noch. Wenn sie Probleme oder Fragen hat, kann sie ihre Integrationsfachkraft ansprechen. Zur Arbeit fährt sie mit dem Fahrrad und dem Linienbus. Im Moment ist sie hauptsächlich in der Spülküche beschäftigt, in der sie schmutziges Geschirr und Besteck sortiert, in die Spülmaschine räumt und nach dem Spülgang wieder ausräumt und verstaut. Anfangs arbeitete sie in Vollzeit, hat dann aber auf eigenen Wunsch ihre Arbeitszeit auf Teilzeit reduziert, weil ihr die Belastung zu hoch war. Jetzt arbeitet sie halbtags immer um die Mittagszeit. Mit dieser Regelung ist sie zufrieden, auch wenn das Geld dadurch knapp ist.
Eingearbeitet wurde sie von den Kolleginnen und ihrem Chef, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat. Auch mit den Kolleginnen komme sie gut aus. Allerdings erinnert sie sich an eine Kollegin, die ihr gegenüber oft unfreundlich und gemein war. Deren Meinung nach arbeite Frau Lohmann zu langsam, vor allem in der Mittagszeit, wenn viel los ist. Aus diesem Grund beschwerte sie sich häufiger beim Chef. Seitdem die beiden Frauen in verschiedenen Küchen arbeiten, gibt es keine Probleme mehr. Frau Lohmann arbeitet jetzt mit ihrem Chef, einem weiteren Koch und zwei Kolleginnen zusammen. Sie verstehen sich alle gut.
Anfangs besuchte die Integrationsfachkraft sie regelmäßig am Arbeitsplatz und führte Gespräche mit ihr und dem Chef. Wenn Frau Lohmann Probleme hatte, die sie sich nicht traute mit dem Chef zu besprechen, schaltete sie die Integrationsfachkraft ein. Mittlerweile kommt die Integrationsfachkraft nur noch sehr selten. Wenn Frau Lohmann aber berufliche Probleme hätte, würde sie diese sofort anrufen und um Unterstützung bitten. Den Schritt aus der Werkstatt für behinderte Menschen heraus hat sie trotz arbeitsloser Zeiten nicht bereut. Sie sieht vor allem die Höhe ihres Lohnes heute im Vergleich zum Entgelt und zur Arbeitszeit in der Werkstatt für behinderte Menschen. "Die arbeiten da wirklich für 'n Hungerlohn" . Allerdings stellt sie Unterschiede zwischen der Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und in der Behinderteneinrichtung fest. "Da in 'ne Werkstatt geht 's meistenteils gemütlich zu und in 'ne freien Wirtschaft musst du Leistung erbringen" .
Als Frau Lohmann in der Werkstatt beschäftigt war, wohnte sie noch bei ihren Eltern. Zwei Jahre nach Verlassen der Werkstatt bezieht sie eine eigene Mietwohnung. Später zieht ihr Freund zu ihr in die Wohnung und kurze Zeit später verloben sie sich. Frau Lohmann und ihr Verlobter möchten heiraten, wenn sie genug Geld für eine Hochzeit gespart haben. In ihrer Freizeit näht Frau Lohmann nach wie vor gerne und nimmt auch kleinere Aufträge von Bekannten entgegen. Ansonsten schaut sie gerne Videofilme oder spielt Computerspiele. Einen großen Teil ihrer freien Zeit verwendet sie auf die tägliche Hausarbeit. Im privaten Bereich bekommt Frau Lohmann Wohnassistenz. Einmal in der Woche kommt eine Begleiterin, die ihr in allen Behörden- und Geldangelegenheiten hilft und sie in Fragen zum täglichen Leben berät.
Dies ist nur ein Beispiel von vielen für einen erfolgreichen Übergang aus der Werkstatt für behinderte Menschen in den Arbeitsmarkt. Das Beispiel zeigt aber auch, dass man manchmal Umwege in Kauf nehmen muss.
Aber etwas fiel mir bei den Gesprächen noch auf:
- In den Werkstätten arbeiten fast so viele Frauen wie Männer. Aber von denjenigen, die in den allgemeinen Arbeitsmarkt gewechselt sind, war nur jede fünfte eine Frau. Das heißt, es wechseln viel mehr Männer aus der Werkstatt in den Arbeitsmarkt als Frauen.
- Alle befragten Frauen arbeiten heute auf dem Arbeitsmarkt in einer kleinen Anzahl so genannter "frauentypischer" Berufe und Arbeitsfelder. Sie arbeiten in einer Wäscherei, in einer Näherei, in der Großküche. Die Männer arbeiten in vielen verschiedenen Berufen. Sie arbeiten in Metallbaufirmen, Tischlereien, in einer Keksfabrik, im Gemüsegroßhandel, in einer Kartonfabrik, in einer Bäckerei, in einer Großschlachterei, an der Tankstelle, in einer Autowerkstatt, in der Landwirtschaft, im Restaurant, im Bauunternehmen, in einer Lkw-Spedition.
Warum konnten weniger Frauen auf den Arbeitsmarkt wechseln?
- Frauen fällt es i. d. R. schwerer als Männern, für sich den Wunsch nach beruflicher Integration zu formulieren und zu vertreten. Sie trauen sich weniger zu und sind weniger risikobereit, obwohl viele von ihnen mindestens genau so viel können und wissen wie die Männer, wenn nicht noch mehr. Es wird vermutet, dass die Frauen das schon von klein auf so gelernt haben.
- Frauen brauchen für ihren Übergang aus der Werkstatt in den Arbeitsmarkt i. d. R. mehr Zeit. Viele von ihnen müssen lernen, sich selbst besser einzuschätzen, selbstsicherer zu sein und ihre Rechte einzufordern. Es ist "typisch" , dass Frauen sich in der Regel in ihren Fähigkeiten eher unterschätzen und Männer sich eher überschätzen und dadurch mutiger sind.
- Von den befragten Frauen hat keine selbst versucht, selbst einen Arbeitsplatz zu finden. Alle haben gewartet, bis jemand auf sie zukam und sie gefragt hat, ob sie nicht dieses oder jenes Praktikum machen möchten. Sie verließen sich auf die Unterstützung und Begleitung einer Integrationsfachkraft. Viele der Männer dagegen sind selbst aktiv geworden und haben sich um Arbeitsplätze bemüht.. Die Frauen brauchten alle erst einen Anstoß von außen und sind kaum selbst aktiv geworden.
Was ist zu fordern?
- Zu fordern sind mehr Integrationsprojekte, in denen nur Frauen begleitet und unterstützt werden, damit sie ihre Chancen wahrnehmen können. Sie brauchen Angebote, damit sie für sich selbst stärker werden und ihre Rechte besser vertreten können. Sie müssen besonders lernen, sich durchzusetzen, eigene Entscheidungen zu treffen und selbst aktiv zu werden.
- IFD und QVD sollten immer die Besonderheiten von Frauen und Männern beachten. Ihre Arbeit sollte auch danach beurteilt werden, wie sie Frauen fördern und vermitteln.
- In den Werkstätten für behinderte Menschen werden wie auf dem Arbeitsmarkt Männer immer noch überwiegend in Arbeitsbereichen tätig, die höher angesehen sind und meistens auch besser bezahlt werden, zum Beispiel im Metall-, Holz- oder Elektrobereich. Frauen sind überwiegend mit hauswirtschaftlichen Tätigkeiten in den Bereichen Küche, Reinigung und Textilbearbeitung beschäftigt. Diese Teilung setzt sich in der Regel fort, wenn Beschäftigte die Werkstatt für behinderte Menschen verlassen, um auf dem Arbeitsmarkt tätig zu werden. Das bedeutet, Frauen werden häufig in hauswirtschaftlichen Bereichen tätig und verdienen dort im Vergleich zu Männern in anderen Bereichen weniger. Frauen sollten auch die "Männerberufe" ausprobieren und nicht gleich sagen, "das ist nichts für mich" .
Dipl. Päd. Ilka Spiess
Nordenham
Ilkaspiess@aol.com


