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Niedersächsisches Netzwerk behinderter Frauen - Referat von Frau Dipl. Päd. Ilka Spiess

Zur Situation behinderter Frauen in Werkstätten und Wohnheimen und deren berufliche Eingliederung

Für eine Untersuchung habe ich Leute befragt, die früher in Werkstätten für behinderte Menschen gearbeitet haben und heute einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Ich wollte von ihnen wissen, wie es ihnen heute geht. Sind sie froh, die Werkstatt verlassen zu haben? Haben sie eine feste Arbeitsstelle, mit der sie zufrieden sind? Geht es ihnen privat, zu Hause gut? Und wie war das damals, als sie die Werkstatt verlassen wollten, wer hat ihnen geholfen, wie ging das vor sich?

Einige Ergebnisse möchte ich an dieser Stelle vorstellen:

Ein Beispiel für eine Frau, die aus der Werkstatt für behinderte Menschen in den Arbeitsmarkt gewechselt ist: Maren Lohmann

(Name wurde verändert):

Maren Lohmann ist 33 Jahre alt und lebt heute gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in einer Mietwohnung in einer Stadt. Die beiden haben sich in der Werkstatt kennen gelernt, wurden aber erst ein Paar, als beide einen Arbeitsplatz außerhalb der Einrichtung eingenommen hatten.

1985 tritt Frau Lohmann in den Berufsbildungsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen ein und wechselt anschließend in den Arbeitsbereich. Dort ist sie vier Jahre lang in der Näherei tätig. Dann wird sie von ihrer Gruppenleitung angesprochen, ob sie Interesse daran habe, in einer Gardinennäherei tätig zu werden, die eine Bekannte ihrer Gruppenleitung betreibt. Dort bekommt sie nach einem Praktikum einen Arbeitsvertrag. Anfangs gefällt es ihr sehr gut an ihrem neuen Arbeitsplatz, aber mit der Zeit verschlechtert sich ihr Verhältnis zur Chefin und die Situation wird sehr belastend. "Und ich mochte da einfach nicht mehr hingehen. Ich hab schon morgens an der Bushaltestelle, stand ich da und hab mich übergeben, mit Magenschmerzen hingegangen" . Schließlich kommt es zur Kündigung.

Anschließend ist Frau Lohmann arbeitslos bis eine Integrationsfachkraft ihr einen Arbeitsplatz in der Näherei und Polsterei einer Möbeltischlerei vermitteln kann. Da der Betrieb sehr abgelegen ist, fährt sie jeden Tag mit dem Fahrrad zu einem Kollegen, der sie dann im Auto mitnimmt. Zuerst absolviert sie dort ein längeres Praktikum. Als sie nach dem Sommerurlaub eingestellt wird, fordert der Arbeitgeber auf einmal viel mehr Leistung von ihr als während des Praktikums. "Hab ich bis zum Sommerurlaub praktisch die leichten Sachen gekriegt zu machen, abketteln und bisschen und sowas einnähen. Das hab ich ja gut gepackt. Aber nach 'n Urlaub ging 's ja ran mit Stuhlkissen nähen. Und das hab ich noch nicht gepackt, diese zu nähen. Mindestens drei hätt ich am Tag fertig haben müssen. Ich hab noch nicht mal eins gepackt, weil das einfach zu schwierig war" . Nach einem halben Jahr kommt es zur Kündigung.

Danach ist Frau Lohmann wieder einige Zeit arbeitslos, bis eine Integrationsfachkraft für sie einen Vorstellungstermin in einer Großküche vereinbaren kann. Frau Lohmann hatte noch nie in einer Küche gearbeitet und wusste nicht so recht, ob sie das wirklich wollte. Sie sagt aber: "Probieren kann man 's ja" . Nach dem Vorstellungsgespräch beginnt Frau Lohmann dort zu arbeiten und bekommt nach einem Praktikum einen Arbeitsvertrag von dem Arbeitgeber, der Großküchen und Kantinen in mehreren großen Unternehmen betreibt und dort auch selbst als Koch mitarbeitet. Frau Lohmann arbeitet dort heute auch noch. Wenn sie Probleme oder Fragen hat, kann sie ihre Integrationsfachkraft ansprechen. Zur Arbeit fährt sie mit dem Fahrrad und dem Linienbus. Im Moment ist sie hauptsächlich in der Spülküche beschäftigt, in der sie schmutziges Geschirr und Besteck sortiert, in die Spülmaschine räumt und nach dem Spülgang wieder ausräumt und verstaut. Anfangs arbeitete sie in Vollzeit, hat dann aber auf eigenen Wunsch ihre Arbeitszeit auf Teilzeit reduziert, weil ihr die Belastung zu hoch war. Jetzt arbeitet sie halbtags immer um die Mittagszeit. Mit dieser Regelung ist sie zufrieden, auch wenn das Geld dadurch knapp ist.

Eingearbeitet wurde sie von den Kolleginnen und ihrem Chef, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat. Auch mit den Kolleginnen komme sie gut aus. Allerdings erinnert sie sich an eine Kollegin, die ihr gegenüber oft unfreundlich und gemein war. Deren Meinung nach arbeite Frau Lohmann zu langsam, vor allem in der Mittagszeit, wenn viel los ist. Aus diesem Grund beschwerte sie sich häufiger beim Chef. Seitdem die beiden Frauen in verschiedenen Küchen arbeiten, gibt es keine Probleme mehr. Frau Lohmann arbeitet jetzt mit ihrem Chef, einem weiteren Koch und zwei Kolleginnen zusammen. Sie verstehen sich alle gut.

Anfangs besuchte die Integrationsfachkraft sie regelmäßig am Arbeitsplatz und führte Gespräche mit ihr und dem Chef. Wenn Frau Lohmann Probleme hatte, die sie sich nicht traute mit dem Chef zu besprechen, schaltete sie die Integrationsfachkraft ein. Mittlerweile kommt die Integrationsfachkraft nur noch sehr selten. Wenn Frau Lohmann aber berufliche Probleme hätte, würde sie diese sofort anrufen und um Unterstützung bitten. Den Schritt aus der Werkstatt für behinderte Menschen heraus hat sie trotz arbeitsloser Zeiten nicht bereut. Sie sieht vor allem die Höhe ihres Lohnes heute im Vergleich zum Entgelt und zur Arbeitszeit in der Werkstatt für behinderte Menschen. "Die arbeiten da wirklich für 'n Hungerlohn" . Allerdings stellt sie Unterschiede zwischen der Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und in der Behinderteneinrichtung fest. "Da in 'ne Werkstatt geht 's meistenteils gemütlich zu und in 'ne freien Wirtschaft musst du Leistung erbringen" .

Als Frau Lohmann in der Werkstatt beschäftigt war, wohnte sie noch bei ihren Eltern. Zwei Jahre nach Verlassen der Werkstatt bezieht sie eine eigene Mietwohnung. Später zieht ihr Freund zu ihr in die Wohnung und kurze Zeit später verloben sie sich. Frau Lohmann und ihr Verlobter möchten heiraten, wenn sie genug Geld für eine Hochzeit gespart haben. In ihrer Freizeit näht Frau Lohmann nach wie vor gerne und nimmt auch kleinere Aufträge von Bekannten entgegen. Ansonsten schaut sie gerne Videofilme oder spielt Computerspiele. Einen großen Teil ihrer freien Zeit verwendet sie auf die tägliche Hausarbeit. Im privaten Bereich bekommt Frau Lohmann Wohnassistenz. Einmal in der Woche kommt eine Begleiterin, die ihr in allen Behörden- und Geldangelegenheiten hilft und sie in Fragen zum täglichen Leben berät.

Dies ist nur ein Beispiel von vielen für einen erfolgreichen Übergang aus der Werkstatt für behinderte Menschen in den Arbeitsmarkt. Das Beispiel zeigt aber auch, dass man manchmal Umwege in Kauf nehmen muss.
Aber etwas fiel mir bei den Gesprächen noch auf:

Warum konnten weniger Frauen auf den Arbeitsmarkt wechseln?

Was ist zu fordern?

Dipl. Päd. Ilka Spiess
Nordenham
Ilkaspiess@aol.com