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Presseinformationen

Presseinformation vom 29.04.2002

Behinderte Menschen fordern: Das System der Heimunterbringung ist in Frage zu stellen

HANNOVER. Anlässlich der Fachtagung "Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter Menschen am Leben in der Gesellschaft" unterstützten jetzt die 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Hannover einstimmig die Forderung des Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen, Karl Finke, endlich genau zu überprüfen, ob und unter welchen Bedingungen Heimunterbringungen zukünftig durch selbstbestimmte Formen des Wohnens abgelöst werden können. Finke begrüßte, dass die "alte" Losung der behinderten Menschen "Lieber daheim als im Heim" nun in einer Bewegung zur Schaffung einer "Enquête der Heime" im Bundestag ihren Niederschlag gefunden hat und damit aktueller denn je sei.

Als einer der Initiatoren der Bewegung zur Schaffung einer Heimenquête begrüßte der Behindertenbeauftragte des Landes Niedersachsen Herrn Professor Dr. Dr. Dörner.

Herr Dörner lobte vor seinem Vortrag ausdrücklich die Arbeit des Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen. "Die Situation, die ich gleich darstelle, ist wenig erfreulich. Ohne die bundesweit ausstrahlende Arbeit Karl Finkes müsste ich allerdings ein noch negativeres Bild zeichnen", so Dörner. In seinem Vortrag führte er dann aus, dass die Heimunterbringung, ein Relikt aus Zeiten des Feudalismus, historisch längst überholt sei. Heute widerspräche sie der berechtigten Forderung nach Selbstbestimmung der Menschen. Deshalb fordere er mit der Forschungsarbeitsgemeinschaft "Menschen in Heimen" an der Universität Bielefeld die Infragestellung der Heime. Gerade in Hannover sei auf das Beispiel Fredi Saals hinzuweisen. Dieser habe sich als fehldiagnostizierter Spastiker durch Fortbildung an der VHS Hannover emanzipiert und zu einem bedeutenden deutschen Philosophen entwickelt.

Die Infragestellung der Heime solle im Rahmen einer Enquête geschehen. Herr Dörner wies darauf hin, dass am Ende dieses Prozesses natürlich auch stehen könne, dass die Heime weiterhin notwendig seien. Diese Möglichkeit sehe er aber als sehr unwahrscheinlich an, da nach seinen Erfahrungen kein Mensch, dem die Hilfen, die er im Heim erhält, sich für das Heim entscheide, wenn ihm die erforderlichen Hilfen auch zu Hause angeboten werden.

Im Anschluss daran zeigte Dr. Gebhardt aus seiner langjährigen Berufserfahrung am Beispiel einiger ausgesuchter Einzelfälle auf, wie das Leben in Heimen die weitere Entwicklung zur Selbstbestimmung verhindern kann. Seine Botschaft lautet: "Behinderte Heimbewohner sind keine dauerhaft Fürsorge bedürftigen "Kinder in Not", sondern Menschen, die in bestimmten Bereichen Assistenz benötigen". Auch Herr Dr. Gebhardt plädierte für die verstärkte Wohnversorgung und ambulante Unterbringung insbesondere psychisch behinderter Menschen.

Der Behindertenbeauftragte des Landes Niedersachsen betonte in seiner Zusammenfassung, "aus der Arbeit anderer Enquêtekommissionen wissen wir, dass sie nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie von einer gesellschaftlich relevanten Bewegung getragen wird und zumindest paritätisch mit Betroffenen, hier behinderten Menschen, besetzt ist. Diese Bewegung sei nach seiner Einschätzung gegeben und die Veranstaltung, die am Nachmittag mit Fachthemen fortgesetzt wurde, sei nicht nur ein mutmachender Schritt, sondern verstehe sich als Teil dieser Bewegung".

Es darf nicht weiter so sein, dass alle Experten "ambulante vor stationären" Hilfen fordern, aber 95 Prozent der zur Verfügung gestellten Mittel in Institutionen fließen. "Statt dessen", so Finke, müsse die durch das SGB IX geforderte Perspektive des Einsatzes von persönlichen Budgets endlich offensiv genutzt werden, um Heimunterbringungen zu verhindern.